Der Schmorditzer Bär

„Nerchauer Geschichten“

Wer den waldreichen Schmorditzer Wald bei Nerchau durchwandert, wird sich gewiss des prächtigen Buchenbestandes erfreuen,  aber die wiegenden Laubwipfel werden ihm nichts verraten von einer der aufregendsten Bärenhatzen, die hier bald nach der Jahrhundertwende stattgefunden hat. Die erprobtesten Schützen mit den besten Büchsen – und nicht zu vergessen: ein sehr umsichtiger „königlicher“ Jagdleiter hoch zu Pferd – waren hier auf die Beine gestellt worden. – Jawohl, einen leibhaftigen Bären galt es damals aufs Korn zu nehmen! „Die letzten dieser vierfüßigen Sohlengänger“, höre ich dich bemerken, lieber Freund, „sind doch schon mindestens vor tausend Jahren aus unserem Muldental verschwunden“.

Und doch hat die Hatz auf Meister Petz bei uns stattgefunden, und zwar mit einem solch großen Aufgebot von Schützen, wie es nur einem Bären auf unserem Erdball, nämlich dem „Schmorzer Bären“, tatsächlich gegolten hat, welche Tatsache darum dem Schmorzer Bären zur ganz besonderen Ehre gereichen sollte! Wenn alle Kugeln, die für ihn bereit gehalten worden waren, seinen harmlosen Balg getroffen hätten, er wäre wahrlich buchstäblich durchsiebt gewesen,  aber sein guter Stern bewahrte ihn vor solchem Ausgange.

Durchfroren kehrten vom Anstande die beiden Jagd- und Zechkumpanen Kainar und B. Sch. in den vorweihnachtlichen Tagen des Jahres 1903 im Schmorditzer Dorfkrug ein. Dort entspann sich folgendes Gespräch:

Frau Wirtin Haferkorn: „Nun, ihr seht doch beide recht käsig aus!“

Kainar: „Is kein Wunder! So wird jeder andere auch aussehen, dem so etwas begegnet ist. – Stehe ich auf der Kanzel oben und denke: Jetzt kannste abdrücken; auf einmal merke ich im allerletzten Augenblick, dass ich einen Bären vor der Flinte habe. Zum Glück habe ich nicht geschossen; denn wenn man so ein Ungetüm auch trifft, fallt es doch meistens nicht um. Dann hat mans bloß gereizt und wilde gemacht. Es verfolgt den unglücklichen Schützen sogar auf den Baum.“ –

Ein kräftiger Grog und der gut eingeheizte Ofen erwärmten bald die steifgewordenen Glieder der beiden Jagdbeflissenen und ließen den Redestrom fließen, zumal ihnen die Anwesenheit des neubackenen Gemeindevorstandes Franz E. hierzu willkommenen Anlass bot.

„Hier muss was erfolgen, Vorstand! Die Ortsbehörde hat für Sicherheit zu sorgen!

Der Ortsgewaltige stutzte und entsann sich, vor kurzem einen Bärenführer gesehen zu haben. „Ja, freihlich! Es wird schon seine Richtigkeit mit den Bären haben.“

Neue Besen kehren gut! Offenbar hatten die beiden Jäger die Wahrheit dieses Sprichwortes einmal erproben wollen. Und sie sollten sie auch sofort und allzu gewiss erfahren. Franz E. sattelte noch am selben Abend stillschweigend seinen Rappen und trabte auf ihm bei Nacht und Nebel zum Amtshauptmann in Grimma.

Während sich die Jäger im Dorfkruge an ihrem Abenteuer weiden und noch längst nicht ans  Aufbrechen denken, hat sich schon der Amtsschimmel in Bewegung gesetzt. Noch vor Mitternacht trifft der Amtshauptmann mit dem Kutschwagen im Schmorditzer Gasthofe ein und vernimmt in eigener Person die Jagdpächter.

(Wir machen den Leser auf das folgende Wortspiel aufmerksam)

Amtshauptmann: „Wer hat den Bären im Walde gesehen? Ihre Aussage wird zu Protokoll genommen“

Kainar: „Keiner hat`n geseh`n“.

Amtshauptmann: „Also Kainar hat den Bären gesehen? Das muss unterschrieben werden.“

Kainar: ,,Jawohl! So wahr ich Kainar heiße, Herr Amtshauptmann, keiner hat ihn gesehen.“

Da nun die Schlagfertigkeit des einen größer war als die zweifellos lobenswerte Dienstbeflissenheit des anderen, so nahm das Schicksal seinen Lauf. Noch in derselben Nacht ordnete der Amtshauptmann an, den Bären am nächsten Morgen zur Strecke zu bringen. Auf telegraphischem Wege wurden hierfür sechzehn Gendarmen des Bezirkes und die Jäger der Umgebung aufgeboten. Vom Nachbarstädtchen Trebsen brachte der Gendarm seinen gesamten Kugelvorrat in einem gewissen bunten Tüchlein mitgeschleppt. Trotz vorhandener Zweifel hatte er sich an die Parole gehalten: Besser vorgesehen als nachgesehen. – Der Amtshauptmann leitete hoch zu Ross das ganze Unternehmen.

Nur einer hatte den Gehorsam verweigert, der Mitpächter des Jagdreviers, Oskar H. ,,Oskar, du musst oh mit!“ hatte ihm der befehlzustellende Gemeindevorstand gesagt. Aber Oskar hatte ihm zur Antwort gegeben: ,,Nee, Wenn so e ahles Kustiem (Kostüm, gemeint ist: Ungetüm) im Hulze is, da kumme ich nicht mit, das bin ich meiner Familie schuldig.“

Aber trotz eifrigsten Pirschens bekam kein einziger Schütze den Bären vor die Büchse. Zwei der Schützen, Kainar und B. Sch. sollen damals unter besonders schweren Gewissensnöten gelitten haben, die weniger ihre Weidmannsehre als ihren Übermut betrafen.

Die Jagd wurde abgebrochen, ergebnislos; aber die Bevölkerung blieb weiterhin unter Alarm, desgleichen waren die angrenzenden Amtshauptmannschaften gewarnt worden. – Schließlich wollte man noch die Spur des Bären gefunden haben. Der Großbothener Gendarm nahm davon einige Gipsabdrücke. Und ein Trugschluss oder ein geschickter Wink ließ das begutachtende Dresdener Institut nach Monaten zu folgendem Ergebnis kommen: ,,Die eingesandten Fußabdrücke sind die eines etwa zwei Jahre alten Bären.“ In Wirklichkeit hatten sie hergerührt von einem holzschuhtragenden Knechte, der Mäuse vergiften gegangen war, und einem in dessen Fußtapfen gefolgten Bernhardiner Hund. Erst nach Jahren war es gelungen, die genaue Art des Schmorditzer Bären festzustellen. Man hatte schließlich gefunden, dass er zu jener Bärenfamilie  gehörte, die man den Leuten gewöhnlich aufzubinden pflegt.

Noch lange Zeit aber musste der Amtshauptmann den Spott über sich ergehen lassen. Jede Einladung zur Jagd schloss mit dem neckischen Zusatz: ,,Bären werden bei dieser stattfindenden Treibjagd nicht geschossen.“

(Nacherzählt von E. Richter u. W. Koch)

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